Strategien zur Armutsbekämpfung im Kreis Offenbach
Es besteht dringender Handlungsbedarf!
Eins vorweg:
Es wird viel Geld in nicht effektive Projekte gesteckt, die bislang nie
evaluiert worden sind. Der Kreis Offenbach und viele andere Kreise und Kommunen
würden viel mehr erreichen, wenn sie undogmatisch Projekte fördern und andere
beenden, die keinen Effizienznachweis in der Vergangenheit erbringen konnten.
Modellprojekte, die wiederum durch auffällige Erfolge in ihren ursprünglichen
Zielsetzungen einen tatsächlichen Nutzen für die Bevölkerung erreicht haben,
sollten flächendeckend eingeführt werden.
Eins ist auch gewiss: In grundsätzlichen strukturellen Fragen kann es keinen
Dissens geben. Es sind Projekte wie das Bildungspaket, welche im Grunde einen
höheren Verwaltungsaufwand haben als das sie der Bevölkerung nutzen. Die
Kommunen benötigen mehr Geld für Investitionen und Schaffung von
Arbeitsplätzen. Kostenlose Kindergärten haben mehr Nutzen, welche sich kurz-
mittel - und langfristig positiv für die Bevölkerung niederschlagen werden.
Kommunen werden finanziell immer weiter an den Rand ihrer Möglichkeiten
getrieben. Auch wenn die Finanzen nicht der einzige Grund für das Misslingen
von Sozialprojekten sind, besteht kein Zweifel an der Notwendigkeit einer
besseren finanziellen Ausstattung der Kommunen und Kreise.
Tafeln, oder auch die Müllentsorgung des Einzelhandel s genannt, sind es die im
Grunde schleichend die bestehenden strukturellen sozialstaatlichen
Verantwortungsbereiche aufweichen und können daher langfristig niemals im
Interesse der Armen sein.
Weiterhin ist die Wissenschaft schon lange zu dem Schluss gekommen, dass
Beratungsstrukturen auf Geh-Strukturen umgestellt werden müssen, da eine
flächendeckende Beratung oftmals gerade von den Menschen nicht genutzt werden
kann, die nicht in der Lage sind ein geregeltes Leben zu führen und selbst in
den alltäglichen Dingen ihres Lebens erheblich eingeschränkt sind. Also da wo
Hilfe benötigt wird, kann sie niemals gelangen und leere Beratungszentren sind
sicherlich nicht im Interesse des Erfinders.
Professor Hanesch vom Institut für Arbeit und Sozialpolitik kritisiert die
fehlende systematische Auswertung von kommunalen Sozialprojekten. Es wird viel
Geld für etwas gezahlt, was sich am Ende als ineffizient erweist.
Das gilt im Kreis Offenbach übrigens nicht nur für den Bereich der
Sozialprojekte, sondern auch für den RMV. Zu teuer, zu ineffizient und immer zu
spät.
Winfried Reininger vom Caritasverband Bistum Mainz sieht die Rolle der eigenen
Unterstützung der Tafeln sehr kritisch. Die ursprüngliche Idee einer
Notversorgung hin zur Regelversorgung ist ein politischer Skandal.
Kommunen versuchen immer mehr ihre Aufgaben an das Ehrenamt oder freiwillige
Organisationen abzuwälzen. Das führte bei einigen Arbeitsagenturen dazu, dass
sie auf die Tafeln in den Leistungsbescheiden hinwiesen. Auch wenn die Idee
eine sehr menschliche ist, kann das zu einer schleichenden Aushöhlung des
Sozialstaates führen. Eine Aufweichung dessen würde dazu führen, dass immer mehr
an Pflichtleistungen nicht mehr selbstverständlich wären. Wer eine solche
Entwicklung befördert, denkt nicht im Interesse einer nachhaltigen
Armutsbekämpfung.
Woran es mangelt: Der Arme kommt nicht aus der Maschinerie der Armut raus.
Gründe dafür sind vielfältig: Zu wenig Jobs, die auf den Suchenden
zugeschnitten oder aber auch zu wenig Fähigkeiten der Vermittler aufgrund von
Überlastung, fehlende Kenntnisse in Sachen Recht und schlechte Vorbereitung und
Training für diesen Beruf. Zu wenige Schuldnerberatungen für Menschen, die ALG
II beziehen und auch für Menschen, die kein ALG II beziehen. Wer Schulden hat,
kann sich alleine oft nicht helfen.
Auch spielen rechtliche Aspekte eine große Rolle: Wer arbeiten will und nicht
arbeiten kann, weil er den "falschen Pass" hat, sprich Duldung oder
Illegalität, kann nur schwarz arbeiten oder Sozialhilfe beziehen. Beides trägt
nicht sonderlich zur Armutsbekämpfung bei. Es gibt demnach auch strukturelle
Diskriminierung, die arm macht. Es gibt Gesetze in Deutschland, die manche
Menschen arm machen. Bezeichnend ist auch, dass es in Deutschland bislang noch
nie eine Legalisierungskampagne gegeben hat.
Im schulischen Bereich erläutert der Kinderschutzbund, dass die Stigmatisierung
aufgrund von Armut auch darin bestehen kann, dass Kinder im schulischen Handeln
ausgegrenzt werden. Teure Schulmittel, Klassenfotos oder Geld für Schulausflüge
sind Kosten, die sich arme Familie oft nicht ohne weiteres leisten können. Die
Scham nein zu sagen, führt viele Eltern in ein Dilemma. Ein Schulmittelfond für
alle Schulen im Kreis würde viele Familien entlasten und sie müssten nicht in
die Schwierigkeit geraten, die hohen Hürden bei der Beantragung des
Bildungspakets in Kauf nehmen zu müssen. Hätte man dieses Geld lieber in einen
flächendeckenden Schulmittelfond gestellt, wären die Verwaltungen von den
erheblichen Mehrbelastungen und auch dadurch entstehenden Mehrkosten verschont
geblieben.
Die Brisanz dieser Entwicklung sollte auch noch einmal erwähnt werden: Immer
mehr Menschen in Deutschland gelten als arm und es werden immer mehr. Die Kluft
zwischen Arm und Reich wächst. Das zeigt aber auch das Geld da ist. Es wird
nicht richtig verteilt. Immer weniger Menschen schaffen es sich aus der
abwärtsdriftenden Armutsspirale zu befreien.
Am Ende bilden sich aufgrund der sozialen Schieflage immer mehr Stadtzentren,
die sich immer weiter von der allgemeinen Gesellschaft ausschließen.
Wer sozial in eine solche Lage gerät kann sich weder politisch engagieren noch
hat er das Interesse wählen zu gehen. Das Vertrauen in den Staat nimmt immer
weiter ab. Eine Entwicklung, die wie in der Geschichte belegbar ist in
Deutschland in der Vergangenheit zum Extremismus und Faschismus geführt hat.
Alles spricht dafür: Die Ereignisse der vergangenen Tage zeigen es ganz
deutlich: Es besteht dringender Handlungsbedarf!
Autorin: Samina Khan – 29.11.11

